Frankfurt, Germany– 29 Juni 2026
Künstliche Intelligenz ist längst im Coaching angekommen. Ob Large Language Models wie ChatGPT, KI-gestützte Reflexionstools, automatisierte Transkription oder virtuelle Coaching-Plattformen – die Möglichkeiten wachsen rasant. Gleichzeitig wachsen aber auch die Fragen.
Wie verändert KI die Rolle von Coaches? Wo entsteht echter Mehrwert menschlicher Interaktion? Welche Kompetenzen und KI-Fähigkeiten werden künftig wichtiger? Und wie lässt sich Innovation mit den Werten professionellen Coachings vereinbaren?
Um ein besseres Bild davon zu bekommen, was Coaches aktuell bewegt, hat die ICF Coaching x AI-Initiative eine Umfrage in der deutschsprachigen Coaching-Community durchgeführt.
Die Ergebnisse zeigen ein klares Bild: Die Community begegnet KI weder mit blindem Enthusiasmus noch mit grundsätzlicher Ablehnung. Viele Coaches bewegen sich zwischen Neugier, Orientierungsbedarf und dem Wunsch, verantwortungsvoll zu handeln.
Coaches wollen Orientierung statt weiterer Schlagzeilen
Die Diskussion rund um KI wird häufig von Extremen geprägt: Auf der einen Seite stehen große Effizienzversprechen, auf der anderen Seite Sorgen vor Kontrollverlust, Qualitätsverlust oder Ersetzbarkeit.
Die Rückmeldungen aus der Community zeigen ein differenzierteres Bild.
Coaches wollen KI verstehen, einordnen und praktisch erproben. Sie wollen wissen, was sinnvoll ist, was funktioniert — und wo Grenzen liegen.
Die wichtigsten Bedarfe aus der Umfrage sind deutlich:
- 71 % wünschen sich konkrete Tools und Anwendungsfälle für KI im Coaching.
- 66 % interessieren sich für Best Practices: Was funktioniert, was nicht?
- 61 % möchten sich mit der Zukunft von Coaching, KI und neuen Geschäftsmodellen beschäftigen.
- 59 % wünschen sich klare ethische Leitlinien und Orientierung zu regulatorischen Fragen, einschließlich EU AI Act.
- 56 % interessieren sich für den Einsatz von KI zwischen Sessions, etwa für Reflexion und Follow-up.
- 51 % fragen sich, wie sie KI sinnvoll in ihr Coaching-Angebot integrieren und sich im Markt positionieren können. [1]
Damit wird deutlich: Es geht nicht nur um einzelne Tools. Es geht um die Frage, wie Coaching im KI-Zeitalter relevant, wirksam und professionell bleibt.
Kommt KI ins Coaching? Die eigentliche Frage geht tiefer
Viele Diskussionen kreisen noch um die Frage, ob KI Coaching verändern wird.
Die Rückmeldungen aus der Community deuten auf etwas anderes hin: Diese Veränderung findet bereits statt.
Viel relevanter erscheint daher die Frage:
Was bedeutet KI für Coaching — fachlich, ethisch und wirtschaftlich?
Für viele Coaches geht es dabei um sehr konkrete Business-Fragen:
Wie verändert sich mein Geschäftsmodell, wenn Klient:innen KI-Tools bereits eigenständig nutzen? Wie reagieren Organisationen, wenn skalierbare digitale Entwicklungsangebote verfügbar werden? Wie positioniere ich mich als Coach in einem Markt, in dem Coaching-Plattformen, KI-gestützte Angebote und digitale Begleiter sichtbarer werden?
Auch in der Forschung wird diese Entwicklung beschrieben. Jonathan Passmore und David Tee zeigen: Digitale Coaching-Plattformen sind nicht mehr nur ein Randphänomen. Sie verändern bereits heute, wie Coaching angeboten, eingekauft und skaliert wird — und damit auch die Wege, über die Coaches sichtbar und beauftragt werden. [2]
Für Coaches entsteht daraus eine strategische Aufgabe: nicht nur KI-Tools kennenzulernen, sondern das eigene Angebot, die eigene Zielgruppe und den eigenen Mehrwert im KI-Zeitalter bewusst zu schärfen.
Zwischen Coachbot, Selbstcoaching und professioneller Qualität
Ein besonders sensibles Thema ist die Frage, ob KI Coaching ersetzen kann — oder ob sie Coaching eher ergänzt.
Die Coaching-Profession ist mitten in einer Klärungsphase.
In einer internationalen Untersuchung zu Coachbots und AI Coaching berichten Passmore, Diller, Cowley, Nanduri und Markos, dass 57 % der befragten Coaches KI nicht als fähig ansehen, Coaching zu liefern. 19 % sehen KI dazu in der Lage, 24 % sind unsicher und 1 % machte keine Angabe. [3]
Diese Zahlen zeigen keine einfache Ablehnung. Sie zeigen vielmehr eine zentrale Klärungsaufgabe für die Profession:
Wo beginnt Coaching? Wo endet automatisierte Unterstützung? Welche Qualitätskriterien gelten, wenn KI-Systeme Reflexion, Zielklärung oder Entwicklungsprozesse begleiten?
Auch in unserer Umfrage wurde diese Spannung sichtbar. Viele Coaches sehen Potenziale — etwa für Vorbereitung, Reflexion zwischen Sessions, Strukturierung, Produktivität oder Ideengenerierung. Gleichzeitig werden Datenschutz, Vertraulichkeit, Qualität und die Sorge vor unreflektiertem Selbstcoaching durch Klient:innen immer wieder genannt. [1]
Verantwortung heißt: Innovation ohne Aufgabe professioneller Standards
Gerade weil KI neue Möglichkeiten eröffnet, braucht es nicht weniger, sondern mehr professionellen Kompass.
Coaching basiert auf Vertrauen, Vertraulichkeit, Präsenz, Beziehungsgestaltung und professioneller Verantwortung. Diese Grundlagen dürfen durch KI nicht verwässert werden.
Die ICF Artificial Intelligence Coaching Framework and Standards setzen hier eine wichtige Brücke. Sie verstehen KI nicht als Ersatz für professionelle Standards, sondern als Anwendungsfeld, das ethische, wirksame und zugängliche Coaching-Praktiken braucht. KI-Coaching-Anwendungen sollen so gestaltet werden, dass sie ethisches Handeln unterstützen und mit den ICF Core Competencies sowie dem ICF Code of Ethics vereinbar bleiben. [4]
Für Coaches bedeutet das: KI-Kompetenz ist nicht nur Tool-Kompetenz. Sie umfasst auch Urteilsfähigkeit, Transparenz, Datenschutzbewusstsein, Reflexion über Grenzen und die Fähigkeit, Klient:innen verantwortungsvoll durch eine technologisch geprägte Welt zu begleiten.
David Clutterbuck bringt diese Spannung im Kontext von Technologie und Ethik im Coaching ebenfalls auf den Punkt: Technologie kann Coaching unterstützen, wirft aber zugleich neue ethische Fragen auf. Entscheidend bleibt, wie Coaches Verantwortung, Beziehungskompetenz und professionelle Reife in einer zunehmend technologisierten Coaching-Welt sichern. [5]
Die Diskussion geht längst über einzelne Tools hinaus
Besonders spannend ist, dass die Diskussion längst über einzelne Tools hinausgeht.
KI betrifft nicht nur einzelne Momente im Coaching-Prozess. Sie kann die gesamte Coaching Journey beeinflussen:
- Wie finden Klient:innen künftig Coaches?
- Welche Erwartungen bringen Organisationen an skalierbare, digitale Entwicklungsangebote mit?
- Wie verändert sich die Auftragsklärung, wenn KI bereits im Vorfeld genutzt wird?
- Welche Rolle kann KI zwischen Sessions spielen — etwa für Reflexion, Vorbereitung oder Follow-up?
- Wie unterstützen wir Klient:innen dabei, Erkenntnisse aus dem Coaching im Alltag umzusetzen?
- Wie positionieren sich Coaches auf einem Markt, in dem KI-basierte Angebote sichtbarer werden?
Damit geht es im Coaching nicht nur um die Frage „Mensch oder Maschine“. Es geht um eine bewusstere Gestaltung von menschlicher Interaktion im Zusammenspiel mit Technologie.
Die eigentliche Chance liegt darin, Coaching nicht technisch zu verkürzen, sondern neu zu denken: menschlich, verantwortungsvoll und mit klarem Mehrwert.
Was wir aus der Umfrage mitnehmen
Die Umfrage zeigt: Die Coaching-Community möchte den Wandel nicht nur beobachten. Sie möchte ihn aktiv mitgestalten.
Besonders ermutigend ist das hohe Anschlussinteresse: 13 Coaches haben signalisiert, dass sie aktiv mitwirken möchten; weitere 17 möchten informiert bleiben. Insgesamt zeigt sich damit ein starkes Interesse, das Thema gemeinsam weiterzudenken. [1]
Für uns ist das ein klares Signal: Es braucht Räume, in denen Coaches voneinander lernen können — praxisnah, kollegial und erfahrungsbasiert.
Deshalb möchten wir im Rahmen der ICF Coaching x AI-Initiative eine thematische Community of Practice aufbauen: einen Raum, in dem Erfahrungen, Wissen, Best Practices, Fragen und konkrete Anwendungsfälle innerhalb der ICF Community geteilt werden können.
Nach dem Prinzip:
Von Coach zu Coach. Gemeinsam lernen. Gemeinsam wachsen.
Denn niemand muss die Entwicklungen rund um KI allein verstehen, bewerten oder ausprobieren.
Ein nächster Schwerpunkt ist der Virtual-Education-Monat September, den die ICF Coaching x AI-Initiative unter dem Motto kuratiert:
ICF Coaching x AI 2026 – Orientierung. Praxis. Perspektive
Wir möchten mit euch zu Themen ins Gespräch kommen, die Coaches aktuell wirklich bewegen:
- KI und Business Development für Coaches
- Produktivität im eigenen Coaching-Business
- AI Literacy und neue KI-Fähigkeiten
- technologische Angebote, Coaching-Plattformen und Coachbots
- Positionierung von Coaches im KI-Zeitalter
- Erfahrungen aus der Praxis für die Praxis
Dabei geht es nicht darum, fertige Antworten zu präsentieren. Es geht darum, Wissen sichtbar zu machen, Erfahrungen zu teilen und gemeinsam Orientierung zu entwickeln.
Hast du bereits Erfahrungen gesammelt?
Vielleicht hast du eine Weiterbildung zu AI Literacy oder AI im Coaching absolviert. Vielleicht hast du einen Coachbot ausprobiert, dir eine eigene Prompt-Bibliothek aufgebaut, ein spannendes Buch gelesen, eine Studie entdeckt oder konkrete Erfahrungen mit KI in deinem Coaching-Business gemacht.
Dann teile dein Wissen mit der Community.
Besonders freuen wir uns auch über Menschen, die neben fachlichem Interesse Kommunikations-, Marketing- oder Community-Aufbau-Kompetenzen einbringen möchten. Wie alle ICF-Initiativen lebt auch ICF Coaching x AI vom freiwilligen Engagement.
Alle Perspektiven sind willkommen.
Der Dialog geht weiter
Die Ergebnisse der Umfrage sind für uns kein Abschluss, sondern ein Ausgangspunkt.
Am 21. November 2026 möchten wir im Rahmen des ICF Coaching Lab in Frankfurt gemeinsam die Frage diskutieren:
Reinventing the Coaching Journey
Wie verändert KI die Coaching Journey — und welche Chancen ergeben sich daraus für Coaches?
Weitere Informationen zum Coaching Lab:
https://coachingfederation.de/event/coaching-lab-2026/
Wir freuen uns darauf, diese Fragen gemeinsam mit euch weiter zu erkunden und die Zukunft von Coaching aktiv mitzugestalten.
Quellen und Referenzen
[1] ICF Coaching x AI-Umfrage, interne Auswertung, n = 41 Teilnehmende.
[2] Passmore, J. & Tee, D. (2023): The Future is now: Digital Coaching Industry reviewed.
https://www.jonathanpassmore.com/articles/the-future-is-now-digital-coaching-industry-reviewed
[3] Passmore, J., Diller, S. J., Cowley, A., Nanduri, S. & Markos, A. (2024): The coach bots are coming: exploring global coaches’ attitudes and responses to the threat of artificial intelligence.
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13678868.2024.2375934
[4] International Coaching Federation: Artificial Intelligence AI Coaching Framework and Standards.
https://coachingfederation.org/resource/icf-artificial-intelligence-ai-coaching-framework-and-standards/
[5] Association for Coaching: Technology and Ethics in Coaching with David Clutterbuck.
https://www.associationforcoaching.com/page/technology_and_innovation_podcast_David_Clutterbuck




